Im Mittelalter war es auch warm

In Diskussionen über den Klimawandel werden häufig historische Beispiele angeführt, um die heutige Erderwärmung infrage zu stellen. Besonders oft hört man zwei Aussagen: Grönland sei früher eisfrei gewesen, und im Mittelalter habe man im Norden Wein angebaut. Beide Behauptungen wirken auf den ersten Blick überzeugend – halten einer genaueren Betrachtung jedoch nicht stand.

„Grönland war früher eisfrei“

Diese Aussage ist falsch.

Nach der letzten Eiszeit gab es zwar eine natürliche Warmphase, das sogenannte Holozäne Klimaoptimum vor etwa 6.000 bis 8.000 Jahren. In dieser Zeit war es in Teilen der Nordhalbkugel etwas wärmer als zuvor. Grönland war jedoch auch damals nicht eisfrei.

Eisbohrkerne aus dem grönländischen Inlandeis zeigen eindeutig, dass die Eisdecke dort seit mindestens 100.000 Jahren ununterbrochen existiert. Selbst in den wärmsten bekannten Phasen zog sich das Eis lediglich etwas zurück, verschwand aber nie vollständig.

Entscheidend ist der Blick auf die globale Durchschnittstemperatur:
Selbst während dieser Warmphase lag sie unter dem heutigen Niveau. Die Erwärmung war regional begrenzt und entwickelte sich über viele Jahrtausende. Die heutige Erwärmung dagegen ist global, verläuft außergewöhnlich schnell und lässt sich eindeutig mit dem starken Anstieg von Treibhausgasen erklären.

„Im Mittelalter wurde im Norden Wein angebaut“

Diese Aussage ist nicht frei erfunden, wird aber häufig falsch gedeutet.

Während des Mittelalterlichen Klimaoptimums (etwa 950–1250 n. Chr.) war es in Teilen Europas etwas milder. In einzelnen Regionen reichte der Weinbau tatsächlich weiter nach Norden als in späteren Jahrhunderten.

Das bedeutet jedoch nicht, dass es damals so warm war wie heute. Auch hier lag die globale Mitteltemperatur deutlich unter den heutigen Werten. Die Erwärmung war regional begrenzt und nicht mit einer weltweiten Temperaturerhöhung vergleichbar.

Zudem war der Weinbau oft stark vom Mikroklima abhängig, wirtschaftlich grenzwertig und teilweise durch kirchliche oder gesellschaftliche Zwänge geprägt. Heute hingegen verschiebt sich der Weinbau dauerhaft und großflächig nach Norden – begleitet von global steigenden Temperaturen, die das mittelalterliche Niveau klar übertreffen.

Der gemeinsame Denkfehler

Beide Argumente greifen auf lokale oder historische Einzelbeispiele zurück, um eine globale Entwicklung zu relativieren. Dabei wird übersehen, dass das Klima nicht regional, sondern weltweit betrachtet werden muss.

Klimarekonstruktionen zeigen klar:
Weder das Holozäne Klimaoptimum noch das Mittelalterliche Klimaoptimum erreichten die heutige globale Durchschnittstemperatur. Zudem steigt die Temperatur heute etwa zehnmal schneller als bei natürlichen Klimaschwankungen der Vergangenheit.

Fazit

Frühere Warmzeiten hat es gegeben. Neu ist jedoch die Kombination aus globaler Ausdehnung, hoher Geschwindigkeit und menschlicher Ursache der heutigen Erwärmung.

Historische Beispiele wie Grönland oder mittelalterlicher Weinbau sind daher keine Gegenargumente gegen den Klimawandel. Sie zeigen vielmehr, wie sensibel das Klimasystem bereits auf vergleichsweise geringe Veränderungen reagiert.