Bei der diesjährigen Fastenaktion der Halleiner Pfarrgemeinden gab es auch einen hochinteressanten Vortrag der bekannten Klimawissenschaftlerin Dr. Helga Kromp-Kolb. In diesem Vortrag fiel auch dieses unangenehme Zitat: „Zivilisationen werden nicht ermordet, sondern begehen Selbstmord“ (Arnold Toynbee).

Wir befinden uns im Zustand des Ökozids im globalen Maßstab.
Wir verfügen über mehr Daten und Warnsysteme als jede Kultur vor uns, dennoch replizieren wir dieselben destruktiven Dynamiken.
- Das Problem: Unser Wirtschaftssystem basiert auf unendlichem Wachstum auf einem endlichen Planeten.
- Der „suizidale“ Aspekt: Die „oberen Schichten“ (Konzerne und Politik) halten an Quartalszahlen und BIP-Wachstum fest, obwohl die ökologischen Kipppunkte (Biodiversitätsverlust, Bodenübersäuerung) wissenschaftlich belegt sind. Man opfert die langfristige Bewohnbarkeit des Planeten für kurzfristige Liquidität.
Der soziale Zusammenhalt bricht
Historisch gesehen kollabieren Gesellschaften, wenn die Schere zwischen Arm und Reich so weit auseinandergeht, dass der soziale Zusammenhalt bricht.
- Das Problem: Eine enorme Konzentration von Vermögen führt dazu, dass die Eliten sich physisch und psychisch von den Problemen der breiten Masse entkoppeln.
- Der „suizidale“ Aspekt: Anstatt in soziale Stabilität zu investieren, flüchten sich die oberen Schichten in private Sicherheitsdienste, Steuerparadiese oder Visionen von Mars-Kolonien. Man ignoriert, dass ein komplexes System nicht funktionieren kann, wenn die Basis (die arbeitende Bevölkerung) keine Teilhabe mehr sieht.
Alles zu komplex
Joseph Tainter beschrieb, dass Zivilisationen an ihrer eigenen übermäßigen Komplexität scheitern. Heute ist diese Komplexität digital.
- Das Problem: Wir haben Informationssysteme erschaffen (Social Media, KI), die wir nicht mehr kontrollieren können. Diese zerstören den gesellschaftlichen Konsens darüber, was „Wahrheit“ ist.
- Der „suizidale“ Aspekt: Eliten nutzen diese Werkzeuge zur Manipulation oder kurzfristigen Machtsicherung, riskieren dabei aber den Verlust der kollektiven Handlungsfähigkeit. Eine Gesellschaft, die sich nicht mehr auf Fakten einigen kann, kann keine Krisen (wie Pandemien oder Klimawandel) mehr lösen.
In alten Systemen gefangen
Wir sind in Systemen gefangen, die für das 20. Jahrhundert gebaut wurden, aber im 21. Jahrhundert tödlich wirken.
- Das Problem: Unsere Energieversorgung, Städteplanung und globalen Lieferketten sind starr.
- Der „suizidale“ Aspekt: Obwohl die Folgen (Dürren, Überflutungen, Ressourcenkriege) bekannt sind, werden Billionen in fossile Infrastrukturen reinvestiert, weil ein Umbau kurzfristig teuer und politisch unpopulär wäre. Man wählt den bequemen Weg in die Katastrophe.
Systemisches Versagen
Warum laufen die „oberen Schichten“ offenen Auges hinein? Es ist kein Mangel an Intelligenz, sondern ein systemisches Versagen:
- Pfadabhängigkeit: Systeme sind so groß, dass eine Richtungsänderung immense Reibungsverluste bedeutet.
- Externalisierung: Die negativen Folgen (Klimawandel im globalen Süden, Artensterben) treffen die Entscheidungsträger oft zuletzt oder am wenigsten direkt.
- Zeitliche Diskrepanz: Politische und wirtschaftliche Zyklen dauern 4 bis 5 Jahre; ökologische und soziale Kollaps-Zyklen dauern Jahrzehnte.
Fazit: Wir begehen derzeit keinen „affektiven“ Suizid, sondern einen bürokratisch verwalteten. Wir protokollieren unseren eigenen Niedergang in Echtzeit, während wir darauf hoffen, dass die nächste technologische Innovation die Naturgesetze außer Kraft setzt.